07.04.2020
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Chronikauszug des Jahres 1920

Die folgenden Blätter stellen einen Auszug aus der Boker Chronik (Chronik Boke II) des Jahres 1920 dar.
Bei der Übertragung der Originalschriften in die heutige Druckschrift wurde die Struktur der Chronik möglichst beibehalten.
Eine Seite des handschriftlichen Originals entspricht somit auch einer Seite in der Übertragung.
Auch die Interpunktion und die Orthographie des Originals wurde ohne Korrektur übernommen.
Was so alles in dem Jahr 1920 passierte, können Sie in dem folgenden Chronikauszug nachlesen.

Es wird über die Wahlen zum Reichstag berichtet und die Rückkehr von Kriegsgefangenen wird mit einem Kriegerfest gefeiert,
wobei der Gefallenen in einem Festgottesdienst gedacht wurde.
Auch wird über mehrere Einbrüche und Einbruchsversuche berichtet.
An der Westseite des Trums der Kirche wird ein neues Portal gebaut.
Ein besondere Rolle spielt natürlich das Wettergeschehen mit den Auswirkungen auf die Ernte und das Lippedorf Boke.


1

Chronik für das Jahr 1920.

Im Januar und zwar am 10 ds Mts.
1920. wurde endlich in Paris der Friede mit
Deutschland ratifiziert. Durch dieses Ereignis
haben wir wenigstens den Trost, daß der
Friedenszustand zwischen die Völkern des
Weltkrieges in Kraft tritt. Jetzt hat für
unsere Kriegsgefangenen die Stunde
der Befreiung geschlagen. So hat es die
französische Regierung ausdrücklich
versprochen. – Betreffs der Witterung
war der Monat Januar naßkalt und
viel Regen. Am 10 Januar wieder Aus=
tritt der Lippe. Dieses ist schon das vierte
Mal in diesem Winter. Der Schaden wird
sich erst im Laufe des Jahres zeichen. Am
15. Januar wurde die Jagd verpachtet.
Für den Jagdbezirk I wurden 550 Mark
geboten Pächter Herr Carl Groepper
Jagdbezirk II 850 Mark. Pächter Gutsbesit=
zer Ridder. Es wurde ein um 40 % gerin=
gere Pachtsumme erzielt, als in der vorher=
gehenden Pachtperiode und zwar infolge


2

der in den letzten Jahrn hier außerordentlichen stark
eingerissenen Wilddieberei, wodurch der Wildstand,
vor allem an Hasen nahezu vernichtet ist.
Am 16 Januar war Pferdemusterung in
Salzkotten, für Boke wurde kein Pferd ausgehoben
Im Monat Februar sind dann die Gefangenen
aus Frankreich wieder heimgekehrt. Am 11. Februar
Heinrich Heinrichs, am 21 ds Mts. Bernhard Hupe
und Franz Brinkmann. Die Witterung
war im Februar trocken. Vom 15 bis 21
ein wahres Frühlingswetter.
Im März war im Reiche eine ganze
Umwelzung. Die Regierung war geflüch
tet. An die Spitze der Regierung hatte
als Reichskanzler von Kapp sich ge=
stellt. Der Reichspresident Ebert, der
Reichskanzler Bauer, der Wehrminister
Noske sind in Dresden wieder aufge=
taucht. Der Eisenbahnverkehr war ganz ein=
gestellt. Die Zeitungen erschienen nicht.
Am 13. März wurde die Regierung Ebert –
Bauer für abgesetzt erklärt und in Berlin
                                                                                                      


3

eine Regierung unter dem Generallandschafts=
direktor von Kapp gebildet. Diese Regierung
hat nur wenige Tage gedauert. Im Industriege=
biet bildete sich die rote Armee, welche haupt=
sachlich gegen die Reichswehr vorging. In Dort=
mund und242 wurde mächtig gekämpft.243
Die Witterung war in der ersten Hälfte
des Mts. März zimlich gelinde. In den letz=
ten Tagen serhr windig und trocken.
Im April am 4 und 5 an den beiden Osterta=
gen viel Regen. Letzterer war auch sehr ver=
langt für den Roggen und auch für die Weiden.
Die Obstbäume wurden grün. Mitte April
standen sämtliche Obstbäume in der schönsten
Blütenpracht. Das Vieh hatte auf den Weiden
reichlich zu fressen. Anfangs April stand hier
schon der Raps= und Wintersamen in Blüte.
Vom Am 30 April war in Paderborn Bischofs=
wahl. Gewählt wurde der zeitige Kapitular=
vikar Kaspar Klein.
Im Monat Mai vom 9 bis 13 lagen die Wahllisten
zu der Reichstagswahl für alle Wahlberechtigten

__________________________
242 Offensichtlich wollte der Chronist hier eine zweite, durch Unruhen erschütterte Stadt aufzählen, deren
Nennung aber aus „Flüchtigkeit“ unterblieben ist.
243 Chronik d. Menschheit, S. 886: „Deutsches Reich, 17.3.1920 (...) Der Kapp-Putsch scheitert. Wolfgang Kapp,
der Gründer der rechtsradikalen Deutschen Vaterlandspartei, hat mit Unterstützung des Freikorps Brigade
Ehrhardt die Reichsregierung zur Flucht aus Weimar nach Dresden und Stuttgart gezwungen. Nach einem
Generalstreik bricht der Putsch zusammen.“


4

zur Einsicht offen. Vom 12 zum 13 Mai Nachts war
hier ein schweres Gewitter. Vom Landwirt Joseph
Hahne am Barbruch ist ein Rind im Wei=
dekampe vom Blitze erschlagen.
Anfangs Juni war es kalt und regnerisch,
und gutes Wetter zum Pflanzensetzen.
Am 6 Juni fand die Wahl zum Reichstag
statt. Von 548 Wahlberechtigten wählten
535. 518 stimmten für das Zentrum 2
für Mehrheitsozialisten, 5 Deutsche Volkspartei
und 7 Unabhängige=Sozialisten und drei
Stimmen waren ungültig. Am 24. Juni
trat der neue Reichstag zusammen. Eine
Regierung der Mittelparteien unter Fehren=
bach als Reichskanzler übernahm die
Regierung.
Am 6. Juli wurde die Konferenz in Spa
eröffnet. Leider ist dieselbe nicht zu un=
serem Gunsten ausgefallen. Deutschland wur=
de nochmehr gedrückt und zu großen Kohlen=
lieferungen verurteilt. In diesem Monat
fand auch die Heuernte statt. Das Gras


5

auf den Kanalwiesen war wieder enorm
teuer. Der Morgen ist verschiedentlich doppelt
so teuer gewesen wie im Jahre vorher. Auch die Roggen=
ernte ist befriedigend ausgefallen. Die Hauptsache
ist, daß der Roggen trocken unter Dach gekom=
men ist.
Am 8 und 9 August wurde hier das Krieger=
fest verbunden mit der Kriegerheimkehr gefei=
ert. Zunächst war dasselbe vom schö[n]sten Wet=
ter begünstigt und ist ohne jegliche Störung
verlaufen. Am 2 Tage also am 9 August
wurde die Kriegerheimkehr gefeiert.
Zunächst zogen die Krieger und Schützen zum
Festgottesdienste zur Pfarrkirche. Dort war erst
ein feierliches Requiem für die im Kriege
Gefallenen (40 an der Zahl). Hieran schloß
sich eine kurze Predigt mit Dankandacht
und Schloß mit feierlichem Tedeum. Da
zogen die Krieger und Schützen wieder
zum Festplatze. In diesem Zuge waren
auch die geistlichen Herren, die Lehrpersonen,
die 4 Ehrengäste und 8 Ehrendamen. Auf
                                                                                                      


[Die durchnumerierten Seiten 6 und 7 sind unbeschrieben geblieben und wurden zusammengeklebt.
Offensichtlich hat der Chronist diese Seiten versehentlich überschlagen und die Aufzeichnungen auf Seite 8
fortgeführt.]

8

dem Festplatze wurden die Krieger und Schützen
mit belegten Butterbröten gespeist und er=
hielten Freibier. Die Ehrendamen hatten die
Bedienung übernommen. Verschiedene An=
sprachen wurden gehalten, so von dem Obersten
des Kriegervereins Herrn Gerhard Plahs, von
dem Kommandör Herrn Franz Köhnhorn und
Herrn Vorsteher Wilhelm Tölle. Dann wur=
den von den Ehrendamen verschiedene Gedichte
vorgetragen und zum Schlusse hielt der
Herr Pfarrer Dr Schnitz eine wohldurch=
dachte Rede, die wohl 20 Minuten dauerte, womit
die Heimkehrfeier ihren Abschluß fand.
Alle Teilnehmer schienen sehr befriedigt
zu sein. Vom 17 auf den 18 war ein ziem=
lich schweres Gewitter und an einige Stellen
hat der Blitz eingeschlagen. Der Ww. Joseph
Leiwesmeier (Mühlenleute) ist ein Eiche
nahe am Hause ganz zersplittert worden.
Anfangs September viel Regen. In der
zweiten Hälfte war die Witterung besser und
konnten die Leute den zweiten Grasschnitt
                                                                                                      


9

mähen und heuen. Der Grummet war in diesem
Jahre sehr teuer. Ende des Monats wurden die Kar=
toffeln ausgepflügt. Die Frühkartoffeln waren im
Großen und Ganzen schlecht geraten, dagegen liefer=
te die Spätkartoffeln besonder[s] Industrie einen
reichlichen Ertrag und hatten auch eine große
Nachfrage.
Der Monat Oktober hatte beständig trockenes
Wetter, was den Landwirten besonders zu stat=
ten kam. Die Ländereien konnten gut verarbei=
ten werden für die Winterfrucht. Ende dieses
Monats trat schon Frost ein, wodurch das Herbst=
grün, als Seradella und Spörgel litten. Die
Runkeln, Möhren und Steckrüben mußten rasch
                                                                  geschützt
eingefahren werden um sie vor Frost | zu
schützen.244 Diese Ernte war befriedigend.
Im Oktober und November ist an der Westsei=
te in den Tu des Turmes ein neues Portal
gebaut. Im Auftrage des Herr Pfarrers
Dr. Schnitz wurde dasselbe projektiert von
dem Dombaumeister Matern. Die Arbeiten sind
dann ausgeführt von dem Gewerkmeister

 

__________________________
244 Die ursprünglich richtige Grammatik dieses Nebensatzes („um sie vor Frost zu schützen“) wird erst durch die
nachträglich hinzugefügten Korrekturen falsch („um vor Frost geschützt zu [werden]“).
                                                                                                 


10

B. Köthenbürger in Paderborn. Die Türen sind von
dem Schreinermeister Gerhard Plahs zu Heitwinkel
gemacht. Die Beschläge und das Schloß ist von dem
Schlossermeister Peter Eikel in Paderborn ge=
liefert. Das Portal ist 2 Meter weit und eine
Zierde der ganzen Kirche.
Im November und Dezember meist trocken
mit Frost und beständigen Ostwind. Im
Dezember haben hier Diebe und Einbrecher ihr
Unwesen getrieben. So wurde in der Pastorat
in den Keller eingebrochen Zum Glück
sind die Diebe überrascht [worden] und haben nur
Eingemachtes und einige Würste mitge=
nommen. Dann sind die Diebe in dersel=
ben Nacht beim Kaufmann Karl Groepper
eingebrochen, ebenfalls in den Keller, haben
sich Eingang in den Laden verschafft, dort
haben sie viele Waren, namentlich Unter
zeuge mitgenommen. Die Sachen haben die
Diebe dann in dem leerstehenden Berghause
versteckt und jedenfalls später geholt. Dann sind
jedenfalls dieselben Diebe bei dem Händler
                                                                                                      


11

Franz Remmert eingebrochen Hier ist ihnen
die Ladenkasse in die Hände gefallen; es sollen
mehrere Hundert Mark gewesen sein. Hierauf
sind die Diebe verscheucht [worden] und haben dann durch
das Küchenfenster das Weite gesucht, ohne er=
kannt zu werden. In der Nacht vom 9 auf
                                                           der Kirche
den 10 Dezember ist in die Sakristei | einge=
                                                          haben
brochen [worden] Die Einbrecher | die Schränke durch=
wühlt. Den eisernen Schrank, worin die Kel=
che und die sonstigen Wertgegenstände auf=
bewahrt werden, hat zum Glück nicht ge=
öffnet werden können. Dann sind die
Einbrecher in die Pastorat nochmals einge=
brochen und [haben] wahrscheinlich den Schlüssel
zu dem eisernen Schrank gesucht.
Hierauf sind die Einbrecher durch Alarm
in der Pfarrei und durch Hundege[be]ll auf
dem Schäferhofe verscheucht worden
ohne den Kirchenraub ausgeführt zu
haben.
Nach der Viehzählung am 1. Dezember
sind in hiesiger Gemeinde 135 Pferde,
                                                                                                      


12

673 Stück Rindvieh, 303 Stück Schafe, 660 Stück
Schweine, 12 Ziegen, 180 Gänse, 3 Enten und
1827 Hühner.

Die Gesamt einahme                  In diesem Jahre sind 33 Geburten vor=
und Ausgabe des Haus            gekommen, 16 Sterbefälle und 14 Ehe=
halts.plans der Gemeinde         schließungen.
wurde für 1920 auf                  Die Martini Markt und Fruchtpreise
24 900 Mark gesetzt                 sind wie folgt: und zwar pro Zentner
Gemeindesteuern = 435 %.

1. Weizen            .....       82   Mark
2. Roggen          .....       75     "
3. Gerste            .....       75     "
4. Hafer              .....       73     "
5  Kartoffeln       .....        25 bis 30  Mark

Der Inhalt der Chronik wurde der
Gemeindevertretung mitgeteilt
und zur Unterschrift vorgelegt

Boke, den 6. Januar 1921.

Der Vorsteher:                  Die Gemeindevertretung:
Tölle                                   Thiele  Schulte
                                            Pottmeier.   Lipsmeier
                                                       Köhnhorn

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